Der folgende Text stammt von Angelika Raimann. Sie lebt sein Juli 1991 im ecuadorianischen Oriente und ist mit dem Quichua Remigio Canelos verheiratet. Dadurch hat sie einen echten Einblick in das Leben der Quichuas.

Begriffe

Die Bevölkerung des Gebiet welches zu unserer Gemeinde Ahuano gehört besteht aus Indios und Colonos. Colonos sind Menschen die entweder Mestizen oder Weisse sind, das heisst, die erst seit wenigen Jahren hier wohnen. Colono (Kolonisierer) ist ein ehrbares Wort. Schwieriger ist es dagegen mit den Indios. Es gibt für sie verschiedene Bezeichnungen, und keine einzige ist universell "salonfähig". Indio wird von vielen als Schimpfwort empfunden. Colonos hört man manchmal zu ihren Kindern sagen: "wasch dich, du siehst ja aus wie ein Indio". Moderne Indios (die aus der Stadt, die auch noch politisch engagiert sind) dagegen versuchen stolz auf das Wort zu sein. "indigena" heisst einheimisch, "nativo" heisst hier geboren, doch es gibt auch junge Colonos die hier geboren sind und sich als solche bezeichnen. "Quichua" schien mir ein Ausweg aus dem Dilemma, aber auch das Wort hat seine Gegner. Es ist nicht einfach, in einem doch sehr rassistischem Umfeld das Kind beim Namen zu nennen. Sogar "Arborigenes" als Bezeichnung kommt vor, obwohl für mich solche doch eher in Australien zuhause sind. Persönlich habe ich mich für "Quichua" entschieden


Wer sind die Quichuas, und woher kommen sie?

Quichua ist in Ecuador die Bezeichnung für die Sprache, die anderswo Quechua heisst. Quechua wird nicht nur im Oriente, also im Regenwald gesprochen, sondern auch in den Anden. Der Unterschied zwischen den zwei Formen ist aber gross.
Die "Quichuas del Oriente" sind die zahlreichsten der 6 indio Nationalitäten des Amazonasteils Ecuadors. Je nach Quelle gibt es rund 60.000 Quichuas. Sie sind entstanden aus der Verschmelzung von verschiedenen Indiogruppierungen vom Fuss der Anden und von tiefer im Regenwald. Diese Völker waren oft zu klein, um selbsständig zu bleiben und haben ihre ursprüngliche Sprache aufgegeben. Es erstaunt, wie wenig über den Ursprung der Quichuas bekannt ist und wieviel wiedersprüchliches darüber geschrieben wurde.


Wie leben die Quichuas heute?

Die meisten leben noch wie früher am Lauf der Flüsse, bebauen den Alluvialboden mit Mischkulturen und jagen im Regenwald auf den Lehmhügeln, welche fast nie gerodet wurden, da weniger fruchtbar. Sie sind oft in Verbänden von 20-60 Familien organisiert. Das Zentrum bilden heutzutage die Primarschule und ein Versammlungshaus. Manche Kinder haben einen Schulweg von mehr als einer Stunde, da die Familien verstreut leben. Auch heute noch sind sie nur ungern sesshaft. Die meisten Familien hier in Ahuano haben 2-4 Wohnsitze und ziehen regelmässig um. Die Familien sind extrem kinderreich, 8-12 Kinder sind die Regel, Remigios Mutter zum Beispiel hat 17 Kinder geboren. Wenn eine Familie "nur" 4-6 Kinder hat, kann man davon ausgehen, dass sie keine eigenen Kinder zeugen konnten und anderen Familien ihnen aus Mitleid Kinder "geschenkt" haben. Diese Bevölkerungsexplosion ist ein grosses Problem, welches die Quichuas aber nur langsam erkennen. Die katholische Kirche ist sehr einflussreich und akzeptiert keine Geburtenkontrolle.
Auch die Quichuas brauchen Geld, speziell für Schuluniformen und Bücher und wenn jemand krank wird. Sie bauen Mais an, sowie Kaffee und Kakao zu Verkauf. Es sind meist nur die nicht verheirateten Burschen (14-20 Jahre alt), welche ausser Haus für einen Lohn arbeiten. Die Quichuas in der Stadt (in Tena und Archidona) geben sich oft sehr zivilisiert, vor allem wenn sie die Verwandschaft im Wald besuchen. Da wird oft betont Spanisch gesprochen, die Männer tragen Sonnenbrillen und die Frauen Lippenstift oder gar Dauerwellen.
Die Quichuas del Oriente sind nun schon seit rund 300 Jahren im Kontakt mit den Weissen. Sie haben ihre ursprüngliche Kleidung aufgegeben. Auf den ersten Blick sind sie deshalb vielleicht nicht so spannend und enttäuschen so manchen Touristen. Sie haben aber ihre Vision der Welt behalten, ihre Sitten, ihre Sprache, die Benutzung von Medizinalpflanzen, der Shamanismus. Sie leben in verschiedenen Welten gleichzeitig, sind geistig extrem flexibel. Sie wissen, was man von ihnen erwartet, doch tief in ihrem Inneren siegt ihre Kultur. Es ist schwer, die Eindrücke, die ich in den letzten Jahren von den Quichuas sammeln durfte, in ein Paar Zeilen zusammenzufassen. Am besten lässt es sich vielleicht durch ein Paar Beispiele verdeutlichen: Auf einer Waldtour mit einem Veterinärstudenten sahen wir zu meinem Entzücken Jaguarspuren. Nein, meinte er, das sei nur die Grossmutter die unten am Fluss wohne, die sich schon jetzt vor ihrem Tode nachts in einen Jaguar verwandle und die Gegend unsicher mache.
Nach zwei Tagen Marsch durch den Wald Richtung Osten waren wir auf einem recht hohen Berg angelangt, von dem aus man weit weg ein Plateau erblicken konnte. Da würde ich gerne hin, sagte ich zu Remigio. Nein, meinte er, völlig unmöglich, dort treffen sich Himmel und Erde und die Welt ist zu ende. Ja, wo denn seiner Meinung nach Europa sei, fragte ich etwas verblüfft. Das ist etwas anderes, meinte er, hier ist und war schon immer die Welt zu ende, das wisse jeder Quichua. Vor acht Jahren ging ich anders mit solchen Meinungen um als jetzt, und ich insistierte, dass er doch sicher in der Schule gelernt hätte, dass die Erde rund sei. Klar, antwortete er, der Lehrer als Colono behaupte das, aber für die Menschen hier sei die Erde eben anders. Fazit: kleine Quichuas sagen in der Schule, dass die Erde rund ist, weil das so erwartet wird, aber sie denken, dass die Erde flach sei.
Zum Schluss noch eine Erzählung. Es gibt unzählige solche Geschichten, mit denen man sich unterhält, wenn die ganze Familie beieinander sitzt. Sie werden jedoch nicht als Märchen aufgefasst, das heisst als etwas, das nicht wahr ist, sondern als etwas, dass wirklich passiert ist, vielleicht in einer anderen Welt oder Dimension, oder zu einem anderen Zeitpunkt, und aus dem man Lehren ziehen sollte.


Das Märchen der Anacondas

Früher wie auch heute noch gefiel es den Menschen am späten Nachmittag im Fluss zu baden mit der ganzen Familie.
Eines Tages, als die Kinder und Frauen im Wasser waren, verschwand eine der Frauen. Ihre Kinder rannten erschrocken weg, und als endlich der Vater zur Stelle war, war die Mutter für immer verschwunden, und alle dachten, dass sie von einer Anaconda gefressen worden sei. Sie suchten sie während 5 Tagen, und dann gaben sie es auf. Die Frau war aber nicht tot. Die Kinder der Anaconda hatten sie gefangen, weil sie dachten, sie wäre ein Vogel. Unten im Fluss hat es nämlich auch ein Dorf, dort wohnen Anacondas.
Und wenn wir im Fluss schwimmen, so scheint es den Schlangen von unten wie wenn Vögel über den Himmel fliegen würden. Und Schlangenkinder sind wie Menschenkinder. Sie sagen: Papa, bitte fang mir doch das Vögelein. Ich will es haben. Dann sagen die Anacondaväter: lass das Tier in Ruhe, du passt dann sowieso nicht darauf auf und das Tier stirbt für nichts. Doch die kleinen Anacondas quengeln wie auch unsere Kinder es in so einem Falle tun, bis der Vater entnervt den Vogel manchmal doch fängt. Deshalb verschwinden immer wieder Menschen beim baden. Die Anacondas wollen uns gar nicht fressen, aber manchmal eben geben sie nach und ziehen einen Menschen zu sich herunter. Und manchmal lassen sie ihn auch nach einiger Zeit wieder frei.
Die Mutter dieser Kinder kam zurück, und deshalb wissen wir, wie das mit den Anacondakindern und den Schwimmern ist.


Ein Indio namens Hitler

Während der Wahlkampagne werden in Ecuador die Wahlparolen direkt mit Farbe auf die Mauern und Häuser gepinselt, ohne Rücksicht auf die Hausbesitzer oder darauf, dass die Parolen nach den Wahlen nicht von selbst verschwinden werden.
Gut in Erinnerung ist mir noch folgender Spruch geblieben: "Wählt den Gringo Jesus als Bürgermeister gegen die Korruption!". Gringo ist die Bezeichnung für weisse Ausländer. Ich war recht ratlos. Das Christus nicht Ecuatorianer war, ist klar. Das er gegen die Korruption ist, auch. Doch dass er zur Wahl als Bürgermeister steht?? Ich fand das ganze recht geistreich. Ecuador nimmt den 7. Platz ein in der weltweiten Rangliste der Korruption, und da ist sicher nur noch mit Gottes Hilfe etwas zu verbessern. Doch die Sache hatte Hand und Fuss: ein Spanier mit dem in seinem Land nicht unüblichen Vornamen Jesus stellte sich effektiv zur Wahl für den Bürgermeisterposten in Tena! Während der gleichen Wahlperiode sahen wir in einer Stadt an der Küste einen anderen Bügermeisterkandidaten: "Hitler Moreno", D.h. der arme Mensch hiess Hitler zum Vornamen, und "der Braune" zum Nachnamen!
Skurril ist auch, dass der (Touristen-)Führer des einzigen deutschen Hotels der Gegend, das "Jardin Aleman" in Misahualli, ebenfalls Hitler zum Vornamen heisst. Der Besitzer des Hotels, Bernhard, ruft ihn vor den Touristen aber "Atahualpa", der Namen eines grossen Inkakriegers. Für die Quichuas hingegen heisst er einfach Hitler, da dieser Name hier keine Assoziationen weckt.Mit der Zeit hatte ich mich auch daran gewöhnt, ihn mit seinem richtigen Namen zu rufen, und nicht mit dem Touristennamen. Ich muss das irgendwann mal vor den Touristen des Jardin Alemans getan haben. Den ein Paar Wochen später kam durch das "Buschtelefon" das Gerücht, ich hätte gesagt, dass der Deutsche vom Jardin Aleman ein alter Nazi sei. Kommentar noch dazu: diese arroganten Schweizer würden sich ja sowieso alles erlauben, und ich solle nicht so blöd tun, man wisse ja schliesslich vom Nazigold in der Schweiz, die Schweizer seien ja schliesslich nicht besser als die Deutschen. Hilfe! (Vor allem wenn man bedenkt, dass ich auch Deutsche bin!)

Einige weitere gebräuchliche männliche Vornamen in Ecuador:
Lenin, Stalin, Clinton, Edison, Washington, Hanibal, Victor Hugo, Jesus Angel, Darwin, Messias.
Bei den Frauen ist es entweder religiös (Maria mit allen Zusätzen), oder bedrückend nach spanischem Modell:
Piedad (Mitleid), Dolores (Schmerzen), Soledad (Einsamkeit), Consuelo (Trost), aber auch Esperanza (Hoffnung).


Ueber die Fortpflanzungsbiologie der Gringos

Gringos sind hierzulande ganz einfach weisse Ausländer, ich gehöre also in diese Kategorie. Sie unterscheiden sich von normalen Menschen dadurch, das sie laut reden, sich über vieles aufregen, das sie viel Geld haben und das sie stinken.
Die Quichuas beginnen den Tag mit einem Bad gegen 4 Uhr früh (um sich die bösen Geister abzuwaschen und sich abzuhärten) und beenden ihn mit einem zweiten Bad gegen Sonnenuntergang (diesmal gegen den normalen Dreck) und haben fast nie Körpergeruch. So mancher Tourist ist dagegen effektiv eine Zumutung, sei es weil er das Schwitzen nicht gewöhnt ist, oder auch weil er fälschlicherweise annimmt, dass es hier im Urwald als schick gilt, schlampig und verlöchert herumzulaufen. Doch der exotischste Punkt an den Gringos ist: die Männer "können" nicht, oder nur selten, und ihre Frauen können nicht schwanger werden. Dies lässt sich aus folgenden Erfahrungen ableiten:


Als Remigio und ich geheiratet haben, wurde meine Schwiegerfamilie geneckt, das sei ja Geldverschwendung, so eine grosse Hochzeit, da ich ja schliesslich nie Grosskinder "produzieren" würde. Als ich dann schwanger wurde, waren die Leute etwas ratlos. Wie denn das? Die Theorie wurde angepasst, eine neue interessante Erklärung gefunden: Beni Ammeter, der Schweizer aus dem Dorf, der sei sicher der Vater des Kindes. Denn eine Kreuzung Indio-Gringo hatte es noch nie gegeben. Als unser Jan dann im Dispensario von Ahuano auf die Welt kam, und wir eine Stunde später unser Boot besteigen wollten, stürzten sich ein Paar alte Frauen auf uns, schauten das Kind an und meinten: "Ooch, das scheint ja wirklich Remigios Kind zu sein".
Die Sache zog sich noch weiter. Nicht alle hatten gemerkt, dass ich schwanger war. Bei den 1.50m Indianerinnen fällt das nähmlich eher auf! Also hies es manchmal: "oh, du hast ein Kind! Wer hat es euch geschenkt?" Hier ist es nähmlich Sitte, kinderlosen Paaren Babies zu schenken, damit jeder eine Familie haben kann. Dann musste ich mich immer verteidigen: nein, das ist meins! Ja, was heisst hier deins? Verdammt noch mal, selbst produziert!
Sogar als ich mit den 2 Monaten alten Jan durch die Migrationskontrolle am Flughafen wollte, fragte der Uniformierte nach den Adoptionspapieren. Und im Flugzeug wollte das holländische Paar neben mir wissen, ob es denn schwierig gewesen sei, dieses hübsche Indianerkind zu adoptieren.
Sollte den Leser der krude Ton dieses Textes aufgestossen sein: Hier wird, was solche Themen betrifft, nicht um den heissen Brei herum geredet. Mir werden manchmal von wildfremden, freundlich interessierten Leuten Fragen über mein Privatleben und unsere Ehe gestellt, das mir der Mund offen stehen bleibt (und die man im Internet nicht publizieren kann!!).


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