Nach gut einem Monat gibt meine gehätschelte Nikon den Kampf gegen das Tropenklima auf. Der Autofokus will nicht mehr, die Blendenverriegelung hat Probleme, und das ganze Gerät reagiert ein wenig seltsam. Ein Blick ins Innere der Kamera fördert üppiges Leben zutage: Das Gehäuse ist mit einem flaumigen weissen Teppich überzogen und strömt den modrigen Schimmelgeruch des Waldes aus. Ein filigranes Geflecht aus Pilzfäden breitet sich auf der Innenseite der Linse aus. Ich habe stets geglaubt, diese Objektive würden in hochtechnischer, staubfreier Umgebung zusammengebaut. Wie gelangen da überhaupt Pilzsporen hinein? Zum Glück gibt es in Quito Fotogeschäfte, die regenwaldgeschädigte Kameras entschimmeln können.
Es hat ununterbrochen sintflutartig geregnet, und mein Unterricht an der Schule im nahen Dorf ist während drei Wochen ins Wasser gefallen. Als die Sonne endlich wieder die Oberhand gewonnen hat, mache ich mich in der Morgendämmerung auf den Weg, um pünktlich um halb acht vor dem Schulhaus zu stehen. Allein. Der Platz vor dem gedrungenen Gebäude mit Wellblechdach, der gewöhnlich von Kindern in properen Uniformen wimmelt, ist menschenleer.
Ich suche den Schuldirektor, treffe ihn zuhause an und lasse mich aufklären. In meiner Abgeschiedenheit ohne Zeitung und Radio ist mir entgangen, dass die Lehrer zum landesweiten Streik aufgerufen haben. Sie verlangen bessere Löhne. Verständlich. In Ecuador verdient ein Lehrer nicht mehr als ein Strassenarbeiter.
Wie lange der Streik dauern wird ist ungewiss. Beim letzten Mal hielten die Lehrer von September bis Januar durch.
Wir feiern auch im Regenwald gut schweizerisch Weihnachten. In die Gerüche des Waldes mischt sich der Duft von Mailänderli, Spitzbuben und Zimtsternen. Das Backen in der drückenden Hitze ist nicht ganz einfach, die Butter zerfliesst, das Gebäck kann nirgends richtig auskühlen.
Angelika hat im nahen Dorf einen Weihnachtsbaum bestellt. Eine Zeder soll es sein, die das feuchtheisse Klima auch aushält. Anfang Januar hat sie den Weg aus dem Hochland endlich geschafft; und die Besitzerin des Dorfladens versteht nicht, warum das Interesse an dem Baum inzwischen abgeflaut ist. Anstelle der Zeder verwandelt sich ein Zitronenbaumzweig aus dem Wald in einen Weihnachtsbaum mit einem Hauch von Exotik. Der kleine Mönchschweifaffe, der jüngste Gast im amaZOOnico, kuschelt sich zwischen Maria und Joseph. Die Nonnen aus der benachbarten Mission kommen im Kanu, um die Krippe zu bewundern.
Der 25. Dezember ist so drückend und schwül wie irgendein anderer Tag im Jahr. Und trotzdem sorgt das Wetter für ein wenig Weihnachtsstimmung: Der prasselnde Regen verdüstert den Himmel wie ein Wintertag in Zürich. So dass die Kerzen auch wirklich schön leuchten.
Ein seltsamer neuer Gast ist im amaZOOnico eingetroffen. Ein kugeliges Pelzbündel, ein Plüschtier mit riesigen Kulleraugen, das glucksende Geräusche von sich gibt: ein junger Nachtaffe. Er muss einfach Ulf heissen.
Ulf teilt vorübergehend mit uns das Haus, bis in den Gehegen ein geeigneter Platz frei ist. Er begegnet uns mit einer Mischung aus Misstrauen und unbezähmbarer Neugier, scheint sich aber bei uns ganz wohl zu fühlen. Nur sein Lebensrhythmus will nicht so ganz zum unseren passen.
Nachts macht er sich über unsere Kerzen her. Wir hören ihn zufrieden gurren und schmatzen und finden die Kerzen am nächsten Morgen merklich kürzer und mit Bissspuren übersät. Als Lieblingsspielplatz hat Ulf das Moskitonetz über unserem Bett auserkoren. Er benützt es für seine Art von Bungee Jumping: Von einem erhöhten Vorsprung an der Wand lässt er sich auf das aufgespannte Netz fallen, alle Viere von sich gestreckt und vor Vergnügen quietschend wie ein Gummientchen. Er kann von seinem Spiel die ganze Nacht lang nicht genug bekommen.
Nach einer Reihe von schlaflosen Nächten bringen wir Ulf in einem der Tiergehege unter. Es fällt uns nicht ganz leicht. Aber es gibt eben doch bessere Haustiere als Nachtaffen.
Es war ein anstrengender Arbeitstag. Der Besucherstrom in der Tierauffangstation riss nicht ab, eine Führung folgte direkt auf die andere, und ich musste die Sprachen in akrobatischem Tempo wechseln. Ich bin froh, die Gummistiefel endlich abzustreifen und nach Hause zu kommen. Aber was ist das? Haben wir vergessen aufzuräumen? Oder ist ein Tornado durchs Haus gefegt?
Mein Schreibzeug liegt verstreut im ganzen Raum. Die herrlich reifen Baumtomaten fürs Nachtessen sind alle angebissen und ziehen rote Spuren durchs Haus, die Butter ist kunstvoll an der Wand verschmiert. Die Zuckerdose liegt offen am Boden, und ihr süsser Inhalt hat Heerscharen von Ameisen angezogen. Niaui also. Die Kapuzineräffin hat als einzige gelernt, Schraubverschlüsse zu öffnen. Und sie nutzt jede Gelegenheit, um diese Fertigkeit zu üben.
Die Seife im Bad ist ein Stück kleiner geworden und trägt verräterische Spuren von kleinen spitzen Zähnen. Bulu-Bulu, das Totenkopfäffchen mit der Vorliebe für Seife. Eine Packung Medikamente ist irgendwohin verschleppt worden. Die glänzende bunte Aluverpackung machte sie wohl so unwiderstehlich.
Das Aufräumen und Putzen nimmt den halben Abend in Anspruch. Und falls ich nicht bald das Loch finde, durch das die Störenfriede sich Zutritt verschafft haben, wird es am nächsten Tag wieder genau gleich aussehen.
Die Fahrt von Quito nach Ahuano dauert etwa acht Stunden, doch sie gleicht der Reise quer durch einen Kontinent. Nach den Villenvororten Quitos, wo die Oberschicht das angenehme Klima des Hochlands geniesst, wird es rasch einsamer. Der Bus quält sich gewundene Bergsträsschen hoch durch eine karge Landschaft mit bizarren Bergformen und sumpfigem Grasland. Durch die Ritzen des klapprigen Gefährts zieht ein kalter Lufthauch. Die Strasse klettert hinauf bis über 4000 Meter, wo ein Pass das Hochland mit dem Amazonasbecken verbindet. In greifbarer Nähe schimmert der Anisana, ein mächtiger Fünftausender aus Fels und Eis.
Jenseits der Passhöhe macht die Teerstrasse bald einer holprigen, schlaglochübersäten Schotterpiste Platz. Die Vegetation wird üppiger, am Strassenrand blühen weisse Orchideen, die Umrisse von Baumfarnen sind schemenhaft im Nebel erkennbar. Die Bäume scheinen unter der Last der Bromelien und Philodendren beinahe zu ersticken. Die Luft wird allmählich schwül und drückend.
Sobald das Gelände flacher wird, macht sich der Einfluss des Menschen wieder stärker bemerkbar. Weideland mit abgemagerten Kühen verdrängt den Bergregenwald; zwischen Zuckerrohr, Palmen und Bananen stehen einfache Holzhäuser auf Pfählen. Männer in Gummistiefeln oder Strandlatschen warten mit Bergen von Waren am Strassenrand.
Tena, Provinzhauptstadt mit 10'000 Einwohnern, ist ein unscheinbares Städtchen. Für den Bus aus Quito ist hier Endstation. Die meisten Touristen fahren weiter nach Misahualli, so dass der chronisch überfüllte Bus nach Ahuano fast völlig den Einheimischen gehört. Die überdimensionierte Strasse, die Tena mit dem Río Napo verbindet, ist ein Relikt aus einem vergangenen Wahlkampf. Sie verwandelt sich jedoch bald wieder in die gewohnte Schotterpiste.
In La Punta findet die Busfahrt endgültig ein Ende, die Strasse endet direkt am Río Napo. Bunte Einbäume mit Aussenbordmotor warten darauf, die Reisenden nach Ahuano, zum AmaZOOnico oder den umliegenden Jungle Lodges zu bringen. Das alles übrigens keine zweihundert Kilometer von Quito entfernt.
Ich stolpere seit den frühen Morgenstunden durchs Unterholz. Mit einer Biologin untersuche ich die lokalen Klimaverhältnisse in einem Waldstück. Ein teures Messgerät von ihrer deutschen Uni – für extreme Witterungsbedingungen gebaut – kapituliert schon nach wenigen Stunden. Wir rutschen auf den steilen Abhängen immer wieder aus und triefen vor Nässe.
Gegen Abend haben wir es geschafft. Als wir uns auf den Heimweg machen, senkt sich bereits die Dämmerung über die Bäume. Ins Konzert der Waldbewohner fallen immer neue Stimmen ein, Frösche, Insekten, und das Rauschen des Windes im Laub. Und noch etwas – ein lautes und anhaltendes Geraschel im Unterholz. Treibt sich noch jemand im Wald herum? Wir halten reglos Ausschau. Das Geräusch kommt näher, doch kein Mensch ist zu sehen. Ein anderer Laut mischt sich ins Rascheln, ein leises mehrstimmiges Quieken und Schnattern.
Und dann, endlich, sehen wir sie: Sechs senkrecht in die Höhe gestreckte Ringelschwänze wandern nicht weit entfernt durchs Unterholz und verschwinden in der einfallenden Dunkelheit. Die dazugehörigen Körper sind nicht zu sehen. Doch das ist auch gar nicht nötig, um die Nasenbärenfamilie auf ihrem Abendspaziergang zu erkennen.
16.08.2003 / © 1999-2012 amaZOOnico